Rezensionen

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Als die Pershings nach Neu-Ulm kamen

Von Stefan Kümmritz

 

Soviel Prominenz auf einmal war zuvor wohl noch nie im Neu-Ulmer Wiley Club, der erst im Frühjahr unter der neuen Leitung von Thomas Eifert wieder eröffnet wurde, zusammengekommen. Anlass für den Aufmarsch von Ex-Bundesfinanzminister Theo Waigel, Neu-Ulms Oberbürgermeister Gerold Noerenberg, hohen Bundeswehroffizieren, Bundes- und Landtagsabgeordneten, Stadträten und ehemaligen hier stationierten US-Soldaten war die Vorstellung des Buches „Klein-Amerika links und rechts der Donau“ des freien Journalisten und Buchautors Joachim Lenk. Ein Buch, das die Zeit der amerikanischen Garnison in Ulm und Neu-Ulm beleuchtet, die in Neu-Ulm sogar 40 Jahre gedauert hat. Da kommen einige vom Autor sehr gut recherchierte Geschehnisse ans Tageslicht, von denen die Öffentlichkeit zum Teil bis heute in Unkenntnis war. „Vieles war streng geheim“, berichtete Lenk vor den 240 Gästen.. „Damals hätte ich das nicht schreiben dürfen, heute kräht kein Hahn mehr danach.“

 

In den Ulmer Kasernen waren die Amerikaner eigentlich nur von November 1951 bis 1959 ansässig, in den Neu-Ulmer Wiley- und Nelson Barracks hingegen vom 5. Dezember 1951 bis 26. Juli 1991. Sie zogen ab, nachdem bereits die Mauer gefallen war und die innerdeutsche Grenze nicht mehr existierte. Dies und die gesamte Entspannung in den Beziehungen zwischen Ost und West war für die US-Streitkräfte Anlass, ihren 40-jährigen Aufenthalt in Neu-Ulm zu beenden. Deshalb beschäftigen sich die spannendsten Kapitel des Buches von Joachim Lenk auch mit Geschichte und Geschichten der amerikanischen Präsenz in Neu-Ulm, mit der auch Theo Waigel, früher Wahlkreisabgeordneter für seine Partei in Neu-Ulm und CSU-Ehrenvorsitzender, der das Vorwort zu dem Buch geschrieben hat, eng verbunden ist. Unter seiner Ägide kaufte die Stadt Neu-Ulm für insgesamt 43 Millionen Euro alle ehemaligen militärischen Liegenschaften der früheren US-Garnison.

 

„Aus der Garnisonsstadt Neu-Ulm ist eine moderne, wirtschaftlich pulsierende Stadt geworden“, würdigte Theo Waigel in seiner unterhaltsamen, stark von den politischen Wirren der damaligen Zeit geprägten Rede die Entwicklung Neu-Ulms. „Hier sind Schwerter zu Pflugscharen geworden. Neu-Ulm hat damals, als die Amerikaner abzogen, schneller und besser die Chance ergriffen als jede andere Stadt. Das Buch von Joachim Lenk gibt ein Stück Zeitgeschichte der vergangenen Jahrzehnte wieder.“

 

Gerold Noerenberg verlieh seiner Hoffnung den Ausdruck, dass das Buch „in 50 oder 60 Jahren noch einmal zur Hand genommen wird.“ Er betonte, man müsse als Neu-Ulmer dankbar sein, dass dieses riesige Gelände, das in erster Linie aus den Wiley Barracks, den Nelson Barracks und dem Wohngebiet Vorfeld-Housing bestand, gekauft und entwickelt wurde. Alleine in Wiley Süd ist ein Gebiet mit 1250 Wohneinheiten für etwa 3000 Bürger entstanden. Auf dem gesamten Areal wurden unter anderem das Finanzamt und die Polizei angesiedelt, dort wurden die Fachhochschule und ein Parkhaus neu gebaut, es entstanden Bildungszentren, Gewerbetreibende fanden eine Heimat und die Vorfeld-Siedlung wurde einer kompletten Verschönerungskur unterzogen. 2008 fand auf dem Wiley-Gelände die Landesgartenschau statt, es gab dort Open-Air-Konzerte zum Beispiel mit BAP, den Toten Hosen oder Bryan Adams.

 

Doch die Geschichte dieses Areals holt einen immer wieder ein, auch dank des just auf den Markt gekommenen Buches von Joachim Lenk. Dort wird an die Anfänge der amerikanischen Besatzung erinnert, an die Beziehungen zwischen den US-Soldaten und den hiesigen Bürgern, die phasenweise recht problematisch waren, vor allem, wenn amerikanische Soldaten über die Stränge schlugen oder gar kriminell wurden, was vom US-Gericht mit extrem hohen Strafen geahndet wurde.

 

Es gab auch sehr freundschaftliche Verknüpfungen. Und es gab viele Proteste. Gegen Lärm, der von Panzern und Soldaten ausging, vor allem aber Proteste gegen die Politik der Amerikaner, die meist vor dem Haupttor der Wiley Barracks – in der Regel recht friedlich – vorgebracht wurden. Diese spitzten sich zu, als 1968 Pershing-I-Raketen in Neu-Ulm stationiert wurden. Die Atomsprengköpfe für diese lagerten unter strenger Bewachung im „Bombenwald“ bei Merklingen auf der Schwäbischen Alb und dann im Waldstück „Lehmgrube“ zwischen Buch und Kettershausen.

 

Als bekannt wurde, dass später die verbesserten Pershing-II-Raketen nach Neu-Ulm kommen sollen, was dann 1984 auch geschah, gab es am 22. Oktober 1983 eine weltweit beachtete Aktion von Friedensanhängern. Von den Wiley Barracks bis zur europäischen Kommandozentrale in Stuttgart wurde eine 108 Kilometer lange, durchgehende Menschenkette gebildet, an der über 300 000 Demonstranten beteiligt waren, die sich gegen die Nachrüstung der Nato als Folge der Aufrüstung in der Sowjetunion wandten.

 

Das Buch „Klein-Amerika links und rechts der Donau“ arbeitet die Geschichte der Ulm/Neu-Ulmer Garnison bis in kleine Details auf, so dass Generalleutnant Richard Roßmanith, Befehlshaber des Multinationalen Kommandos Operative Führung in Ulm, anerkennend meinte: „Das Thema ist von allgemeiner Relevanz. Joachim Lenk weckt Erinnerungen an die Vergangenheit – im Kleinen wie im Großen.“

 

9000 Soldaten und 2000 bis 3000 Familienangehörige waren der höchste Personenstand in den Ulmer und Neu-Ulmer US-Kasernen. Einige Soldaten von damals sind geblieben, weil sie hier die Liebe ihres Lebens gefunden haben. Auch durch sie blieb damals der von den Deutschen so gerne übernommene american way of life erhalten.

Neu-Ulmer Zeitung

Geschichten aus Klein-Amerika

Von Willi Böhmer

 

Im Wiley-Club in Neu-Ulm wurde die Zeit noch einmal lebendig, in der US-Soldaten in der Region und Pershing-Raketen auf dem Gelände zwischen der Kernstadt und Ludwigsfeld stationiert waren. Joachim Lenk ist der Verursacher dieser Rückschau: Der Autor und Reserveoffizier der Bundeswehr stellte im ehemaligen US-Offiziersheim, das seit dem Abzug der GIs als Restaurant Wiley-Club genutzt wird, sein neues Buch „Klein Amerika links und rechts der Donau“ vor. Und weil dieses Kapitel der Neu-Ulmer Stadtgeschichte so prägend war, kamen 240 Interessierte, um sich über dieses Werk zu informieren.

 

Bis zu 9000 US-Soldaten waren in den 40 Jahren von 1951 an zeitweise in Ulm und Neu-Ulm stationiert. Dazu kamen mehr als 3000 Familienangehörige. Viele Namen der Kasernen, in denen sie damals ihren Dienst schoben oder wohnten, sind in Vergessenheit geraten. In Ulm waren es die Boelcke-Kaserne, die Flandern-Kaserne, die Bleidorn-Kaserne, die Ford-Baracks und die Ford Family Housing Area, erinnert Lenk. In Neu-Ulm sind die Wiley- und Nelson-Baracks noch präsent, auch wenn es diese nicht mehr gibt.

 

Deshalb gab es für die Buchvorstellung keinen besseren Ort als den Wiley-Club. Die Ludwigsfeld Training Area, ein Name, hinter dem sich ein Schießplatz verbarg, das Vorfeld Housing und das Supply Center in Offenhausen standen weniger in der Öffentlichkeit. Aber es geht im Buch auch um den „Bombenwald“ in Merklingen, in dem Pershing-Einheiten einst übten, und das ehemalige Lager für die dazugehörigen Atomsprengköpfe in Kettershausen im Landkreis Unterallgäu, in dem heute ein großer Autohändler seinen Sitz hat. Es geht um das Army Airfield Schwaighofen, die Air Base Leipheim und die US Army Training Area A-T-19 in Dornstadt.

 

Und es versteht sich von selbst, dass auch die großen Friedensdemonstrationen aus den 80er Jahren, als sich riesige Menschenansammlungen bildeten, um gegen die Stationierung der Pershing II-Raketen zu demonstrieren, und die Menschenketten von Ulm zum US-Hauptquartier in Stuttgart auf den 256 Seiten ihren Platz gefunden haben. Aber es geht auch um Neu-Ulm heute, um das, was nach dem Abzug der Soldaten auf den riesigen Arealen entstanden ist und die Stadt, die bis dahin als Schlafstadt Ulms galt, zu einem eigenständigen und interessanten Wohnort macht.

 

Was wäre diese Buchvorstellung gewesen, hätten sich nicht Menschen eingefunden, die diese Stadtepoche begleitet oder die Umwandlung des Militärgeländes in ein tolles Stadtviertel unterstützt haben. Da war Steve Manning, der damals US-Vizekonsul in München war. Und Theo Waigel, der als Bundesfinanzminister beim Verkauf des Geländes an die Stadt Neu-Ulm in der Bundesregierung die Fäden zog. Neu-Ulm hat die Chance damals erkannt und als erste Kommune auf dieses Gelände zugegriffen. „Sie erhielten das Gebiet zu 50 Prozent des offiziellen Wertes“, berichtete Waigel. Andere Städte haben versucht, den Preis zu drücken und hätten so die Chance verpasst. „Wir haben als eine der ersten Städte zugeschlagen, auch wenn wir nicht genau wussten, was wir damit anfangen sollten“, sagte Oberbürgermeister Gerold Noerenberg. „Das Buch kann helfen, die Erinnerung zu bewahren.“ Auch heute sind US-Soldaten in Ulm stationiert, wenn auch nur vereinzelte, berichtete Generalleutnant Richard Roßmanith, Befehlshaber des in der Wilhelmsburg stationierten multinationalen Bundeswehrkommandos.

 

Lenk ist in Archive gestiegen, um all die Informationen zu sammeln, hat mit Zeitzeugen gesprochen und viele Fotos zusammengetragen. Auf diese Weise ist ein interessantes Geschichtsbuch entstanden. Zwei Jahre dauerten die Recherchen. Ehemalige US-Soldaten, die noch heute in Süddeutschland leben, und solche, die in die USA zurückgekehrt waren, überließen ihm Aufzeichnungen und Fotos. So entstand ein lesenswertes Werk, das vor allem in der älteren Generation Erinnerungen wecken und die Jungen informieren wird.

Südwest Presse

Atomwaffen im schwäbischen Wald

Von Gudrun Grossmann

 

Optisch erinnert es an die Vorgängerbücher, auch inhaltlich steht es den ersten Kapiteln der Militärgeschichte im Südwesten nicht nach. Der Journalist Joachim Lenk ist bekannt für gründliche Recherche. Darüber hinaus hat er ein Händchen für Begebenheiten, die nicht in den offiziellen Archiven zu finden sind. Deshalb greifen auch jene Leser zu seinen Büchern, die sich herzlich wenig für das Leben in den einstigen Kasernen interessieren. Es sind Zeitdokumente, die Lenk zusammenträgt. Auch jene Friedensbewegten kommen zu Wort, die in Neu-Ulm und Engstingen blockiert und gegen die Aufrüstung Menschenketten gebildet haben.

 

Nach einem dicken Nachschlagewerk über die Münsinger Herzog-Albrecht-Kaserne, sie stand dort wo heute schmucke Einfamilienhäuser eine „Park-Siedlung“ bilden, und die Engstinger Eberhard-Finckh-Kaserne, die dem Gewerbepark Haid gewichen ist, befasste sich Joachim Lenk mit dem früheren Truppenübungsplatz, heute Herz des Biosphärengebiets, dem Remontedepot Breithülen und dem Gerätedepot Feldstetten. Das war vor knapp zehn Jahren. Da hatte er seinen guten Ruf als Experte auf diesem Gebiet schon weg. Wer ist Insider und gleichzeitig neutraler Beobachter? Als Presseoffizier im Dienstgrad Oberstleutnant der Reserve hat er gute Kontakte, als Journalist das Handwerk von der Pike auf gelernt. Kein Wunder also, dass weitere Werke folgten. Im Jahr 2010 ein Buch über die Rommel-Kaserne und den ehemaligen Militärflugplatz in Dornstadt und fünf Jahre später das umfangreiche Kapitel über „Militärtransporte mit der Eisenbahn auf die Schwäbische Alb“. Das hat ihn viel Zeit und Mühe gekostet, für halbe Sachen ist er nun mal nicht zu haben.

 

Dass er damit an der Endstation angelangt ist, mag seine eigene Vorstellung gewesen sein. Aber schaut man nur mal nach den vielen Beziehungspunkten zu seinem brandneuen Band über „Klein-Amerika links und rechts der Donau“, ist es nur folgerichtig, dass er sich diesem neuen Unternehmen mit der gewohnten Akribie gewidmet hat. Schließlich tauchen sie bisher nirgends auf, die US-Soldaten, die von 1950 an bis heute ihre Spuren in Schwaben hinterlassen haben.

 

Viel Arbeit hätte es ihm erspart, wenn die Amerikaner für ihre „Hoch-Zeit“ von 1951 bis 1991 ordentliche Dokumente hinterlassen hätten. Aber nein, die Papiere gingen in Flammen auf. Absichtlich. Offiziell wurde Joachim Lenk mitgeteilt, es habe wohl das „Interesse an der Geschichte“ gefehlt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Fündig wurde der Autor trotzdem. In den Stadtarchiven Ulm und Neu-Ulm. Letzteres ließ ihm zudem Fotos und Lagepläne zukommen. Außerdem halfen Mitglieder des „Nato Sergeants Club Ulm/Neu-Ulm“, des US-Veteranenverbands „American Legion“ und der Vereinigung „Donau Americans and Friends“ sowie des „Historischen Vereins Neu Ulm“ mit Rat, Tat und vielen Privataufnahmen weiter.

 

Prominentester Unterstützer war Dr. Theo Waigel, der das Vorwort schrieb. Er war von 1972 bis 2002 Bundestagsabgeordneter in Neu-Ulm und von 1989 bis 1999 Bundesfinanzminister. Es war mehr als eine zielgerichtete Zusammenarbeit. Persönliche Beweggründe spielten eine Rolle. Joachim Lenk ist gebürtiger Neu-Ulmer. Er hat die Zeit der US-Armee hautnah miterlebt, schreibt in seinem Vorwort von „bulligen Ami-Schlitten“ und Militärfahrzeugen, die durch die Stadt bretterten. Er musste sich ausweisen, wenn er seine Großeltern im Cartitas-Seniorenstift, das neben dem US-Gelände lag, besuchen wollte, und er kaufte in den 1980er-Jahren als Bundeswehrsoldat im PX-Store zollfreie Waren ein. Eine Pershing-Rakete, das Hassobjekt nicht nur der Friedensaktivisten, konnte er aus nächster Nähe sehen. (K)ein Protest: „Ich bin zu einem Konzert der Nachrüstungsgegner als Fan von Peter Maffay.“ Der spielte 1983 vor den Wiley Barracks, als die Menschenkette zwischen Stuttgart und Neu-Ulm geschlossen wurde. Und war beleidigt, weil auf einem Plakat der Spruch „Lieber Pershing zwei, als Peter Maffay“ zu lesen war. Später, nach dem Abzug der GIs, schaute Lenk sich im Dietrich-Kino Filme an, war dabei, wenn in der „Arts & Crafts“-Halle oder im Wiley Park Rock, unter anderem von Bryan Adams, die Marschmusik verdrängte.

 

Dem Politiker Waigel wurde damals Kriegstreiberei vorgeworfen. Er hat den umstrittenen Nato-Doppelbeschluss repräsentiert, später aber dann die Abrüstungsvorschläge mit Michael Gorbatschow maßgeblich mitbestimmt. Bis heute treffe er sich mit ihm, schreibt er. Und: „Nirgendwo in Bayern und vielleicht sogar in Deutschland sind Schwerter so zu Pflugscharen geworden, wie in Neu-Ulm.“

 

Vergessen ist der Wahnsinn nicht. Im Merklinger „Bombenwald“ waren Pershing-Raketen stationiert. Die Bevölkerung bekam davon lange nichts mit. Ein brisantes Kapitel, das ausführlich beschrieben wird.

 

Auf- und Abrüstung: Vor diesem Hintergrund wird sie in Wort und Bild dargestellt, die Geschichte der U.S Garrison Ulm/Neu-Ulm, die Air Base Leipheim, die U.S Army Training Area A-T-19 Dornstadt und das Army Airfield Schwaighofen. Als ein Stück Vergangenheit und Gegenwart. Im Sommer 1955 wird in der „Schwäbischen Donau Zeitung“ berichtet: „Jeder zehnte Ulmer kommt aus Amerika.“ Der Titel bezieht sich auf 9000 Soldaten und 2000 Familienangehörige. Zum Vergleich: Bis heute sind 35 000 US-Soldaten in Deutschland stationiert, circa 3100 in Baden-Württemberg.

 

Joachim Lenk entdeckt viele Geschichten. Da tauchen „leichte Mädchen“ auf, Eltern, denen Kuppelei vorgeworfen wird, Männer, die wegen Totschlag an einem Taxifahrer oder Vergewaltigung angeklagt sind und sogar ein Hund, der mit militärischen Ehren zu Grabe getragen wird. Auf beiden Seiten gibt es schwere Einschläge im Zusammenleben. Ebenso lässt sich das gute Miteinander im Alltag nachvollziehen, das immer dann verwirklicht wird, wenn Vorurteile fehlen. Als Choreograph und Tänzer Gene Reed über die Panzer tanzt, sind alle aus dem Häuschen – die Bodenständigen und die Vertreter des American Way of Life. Seine Strafe hat der GI trotzdem bekommen.

Alb Bote
Bundeswehr Baden-Württemberg

Ein Stück epocheprägende Zeitgeschichte

Von Andreas Steffan

 

Im Wiley-Club in Neu-Ulm ist die Atmosphäre noch spürbar aus der Zeit, als bis zu 9.000 amerikanische Soldaten und 3.000 Familienangehörige den amerikanischen Way of life nach Schwaben brachten. Das ehemalige amerikanische Offiziersheim war dann auch der richtige Ort, um das neuste Werk von Joachim Lenk vorzustellen. „Klein Amerika rechts und links der Donau“ ist der Titel des druckfrischen Buches.

 

Lenk, Journalist, Buchautor und im Multinationalen Kommando Operative Führung Ulm mobilmachungsbeorderter Reservestabsoffizier hat in mühevoller, zweijähriger Kleinarbeit Geschichte, aber auch Geschichten und Anekdoten aus der 40-jährigen Geschichte der US-Streitkräfte in und um Ulm zusammengetragen. Herausgekommen ist ein eindrucksvolles Buch mit Fakten, die vor geraumer Zeit noch mit dem Vermerk „Streng geheim“ versehen worden wären. Dieses Buch konnte nur deshalb geschrieben werden, weil viele ehemalige US-Soldaten in Süddeutschland und in den USA ihre privaten Fotoalben und Aufzeichnungen für dieses aufwendige Projekt geöffnet haben. Auch ehemalige Demonstranten und Zivilbedienstete bei der US-Armee unterstützen Joachim Lenk in seiner Arbeit.

 

Rund 250 teils hochkarätige Gäste hatten sich zur Buchpräsentation im Wiley-Club eingefunden. Darunter waren auch der ehemalige Finanzminister Theo Waigel und der Befehlshaber des Ulmer Kommandos, Generalleutnant Richard Roßmanith. Waigel hat das Vorwort zu dem Buch geschrieben. Ein Buch, so Waigel, das ein Stück epocheprägende Zeitgeschichte beinhaltet.

Pershing-Raketen einst im Bombenwald

Von Hansjörg Steidle

 

Nur wenige Außenstehende wissen, was sich hinter den hohen Bäumen des Merklinger „Bombenwalds“ zwischen Anfang der 1950er-Jahre und 1991 alles abgespielt hat. Dort hatte die in Ulm und Neu-Ulm stationierte US-Armee zuerst ihre scharfe Munition gelagert, bevor sie das knapp 60 Hektar große Waldstück in eine „Training Area“ umwandelte. Zeitweise wurde dort auch unter strenger Geheimhaltung mit den Pershing-Raketen trainiert. Einmal sogar im Wald zwischen Heroldstatt und Seißen.

 

Dass das und noch viel mehr jetzt alles ans Tageslicht kommt, ist dem Journalisten und Autor Joachim Lenk zu verdanken, der das Buch „Klein-Amerika links und rechts der Donau“ geschrieben hat. Vor rund einer Woche wurde es im Wiley Club in Neu-Ulm, dem

einstigen Unteroffizierscasino der GIs in den Wiley Barracks, vorgestellt (wir berichteten). Das Vorwort hat der ehemalige Bundesfinanzminister Theo Waigel geschrieben, der rund drei Jahrzehnte lang Neu-Ulms Wahlkreisabgeordneter war. Sowohl er als auch weitere zahlreiche Zeitzeugen waren bei der Buchpräsentation mit dabei. Ebenso der ehemalige Merklinger Schultes Peter Seyfried sowie sein damaliger Nellinger Amtskollege Ernst Bühler.

 

Außerdem gekommen waren Josef Ittner (92 Jahre) und Walter Penka (93), die in den 1950er-Jahren als Soldaten der 4079th Labor Service Company den „Bombenwald“ (Ammo Dump) bewacht hatten. Sie alle und andere Ex-Soldaten, die in der Region geblieben sind, haben ihre Fotoalben geöffnet und Lenk wertvolles Bildmaterial zur Verfügung gestellt. Ebenso Veteranen, die der Autor in den USA fand. Auch ehemalige Zivilbedienstete bei der US-Armee und Demonstranten von damals unterstützten ihn bei seiner zeitaufwändigen Arbeit. Anfang der 1980er-Jahre machten sich immer mehr Menschen über die Nachrüstung beider Supermächte Sorgen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis auch der „Bombenwald“ ins Visier der Friedensbewegungen kam und dort gegen die Mittelstreckenraketen demonstriert wurde. Eine Anfrage der „Schwäbischen Zeitung“ damals bei der US-Pressestelle der vorgesetzten Dienststelle in Schwäbisch Gmünd (56th Field Artillery Brigade) beruhigte: „Nur im Krisenfall werden Atomsprengköpfe mitgeführt, ansonsten kommen ausschließlich Übungsattrappen zum Einsatz“, wird im Buch zitiert.

 

Nach dem Mauerfall zeichnete sich ab, dass die meisten US-Garnisonen in Deutschland auf kurz oder lang geschlossen würden. Und tatsächlich: Am 19. September 1990 verkündete die „Schwäbische Zeitung“: „60 000 Soldaten ziehen ab, aufgelöst wird auch die Garnison in Neu-Ulm und das Merklinger Depot.“

 

In dem Buch „Klein-Amerika links und rechts der Donau“ beleuchtet Autor Lenk nicht nur das militärische Leben in Neu-Ulm, Ulm und in Merklingen. Er berichtet auch über den US-Flugplatz Army Airfield Ulm, die Air Base Leipheim sowie das U.S. Army Training Area A-T-19 Dornstadt. Das Nachschlagewerk geht über die Stationierungszeit im Jahr 1991 hinaus. Es zeigt auf, was aus den ehemaligen militärischen Liegenschaften in Merklingen sowie in Ulm/Neu-Ulm wurde. Noch heute nutzt das Laupheimer Hubschraubergeschwader 64 den „Bombenwald“ für Außenladungen, haben Bürger aus Widderstall dem Buchautor berichtet.

 

Reserveoffizier Lenk, der schonm Bücher über den ehemaligen Truppenübungsplatz Münsingen, das Gerätedepot Feldstetten, das Remontedepot Breithülen sowie die Bahnlinie zwischen Laichingen und Amstetten geschrieben hat, präsentiert damit ein weiteres interessantes und spannendes militärisches Nachschlagewerk zur Militärgeschichte auf der Schwäbischen Alb. Dank seiner gründlichen Recherche ist einst streng Geheimes jetzt jedermann leicht verständlich und reich bebildert zugänglich. Neu- Ulms Oberbürgermeister Gerold Noerenberg brachte es bei der Buchpräsentation auf den Punkt: „Das Buch kann helfen, die Erinnerung zu bewahren.“ Und die, die diese Zeit nicht miterlebt haben, können auf 256 Seiten nachlesen, dass die US-Armee einst nicht nur Panzer und Pershings, sondern auch den American Way of Life in die Region gebracht hatte.

 

Fazit: Ein sehr interessantes und lesenswertes Buch mit vielen historischen Aufdeckungen in der Zeit des Kalten Krieges, in die auch die Gemeinden der Laichinger Alb eng eingebunden waren.

Schwäbische Zeitung