Bombenwald Merklingen

"Bombenwald" Merklingen / Merklingen Training Area

Bombenwald Merklingen

Die US-Armee beschlagnahmt 1951 in Ulm und Neu-Ulm mehrere ehemalige Wehrmachtskasernen, um dort eine neue Garnison für ihre Soldaten einzurichten. Ein Jahr später übernehmen die Streitkräfte ein rund 59 Hektar großes Waldstück, das knapp vier Kilometer nordwestlich von Merklingen liegt. In dem Staatswald mit dem Namen „Zigeuner“ bauen die Soldaten ein Ammunition Dump, ein Munitionsdepot. Rechts neben dem Eingang ist das Wachgebäude.

 

Außerdem gibt es noch je ein Wachlokal am anderen Ende des Geländes mit Blickrichtung nach Drackenstein im Westen und mit Blickrichtung nach Nellingen im Osten. Außerdem stehen zahlreiche Lagerhäuser im grünen Tarnanstrich im Wald. Hohe Bäume schützen das mit einem knapp drei Meter hohen Zaun gesicherte Munitionsdepot vor neugierigen Blicken. Kein Mensch außerhalb des Sicherheitszauns weiß, was im „Bombenwald“, wie die Merklinger das Gelände nennen, gelagert ist. Dem Vernehmen nach befindet sich in den 26 Lagerhäusern, die jeweils rund 22 Quadratmeter groß sind, Munition für beinahe alle Handfeuerwaffen und Panzerfäuste. Außerdem Handgranaten, Zünd- und Sprengmittel sowie Leucht- und Signalmunition. Den Soldaten stehen zudem drei große Lagerplätze im Freien zur Verfügung.

 

Die Munition wird nicht nur mit Lastkraftwagen, sondern auch mit Hubschraubern gebracht, die zwei Lichtungen für Landungen und Starts nutzen. Von dort aus wird dann unter anderem die Garnison Ulm/Neu-Ulm nach Bedarf beliefert. Das Munitionsdepot ist rund um die Uhr scharf bewacht. Hinter vorgehaltener Hand ist zu hören, dass die 56th Field Artillery Brigade von 1969 an für ihre Pershing-I-Einheiten in Neu-Ulm und in Schwäbisch Gmünd (Ostalbkreis) im „Bombenwald“ eine „Combat Alert Site“ (CAS) vorhält. So nennt die US-Armee Bereitschaftsstellungen für Pershing-Raketen. CAS bedeutet so viel wie Kampfbereitschaftsplatz. „Combat Alert“ beschreibt im Frieden den Alarmzustand, bei dem die Soldaten ihre Geschosse in der kürzest möglichen Zeit abfeuern können, wenn der entsprechende Befehl dazu kommt. Man nennt diese Stellung auch QRA-Stellung. Das ist die Abkürzung für „Quick Reaction Alert”, was sinngemäß eine Alarmierungsart mit besonders schneller Reaktionszeit bedeutet.

 

Der getarnte „Bombenwald“ bei Merklingen ist für realistische Übungen gut geeignet. Dort kann sich das 1st Battalion des 81st Field Artillery Regiment aus den Neu-Ulmer Wiley Barracks unbeobachtet den Pershings widmen. Munition lagert zu dieser Zeit keine mehr in Merklingen. Die US-Armee hat schon in den 1960er-Jahren die Zünd- und Sprengmittel sowie die Leucht- und Signalmunition ins Vorwerk XIII (Ludwigsvorfeste) der ehemaligen Bundesfestung verlagert. Dieses Depot befindet sich auf dem Gelände der Wiley Barracks.

 

Deshalb widmen die Soldaten das Gelände zu einem Standortübungsplatz mit der Bezeichnung „Merklingen Training Area“ um. Am Eingang zum Waldstück ist in englischer und deutscher Sprache zu lesen: „Grenze des Standortübungsplatzes – Warnung – Betreten auf eigene Gefahr, Haftung wird nicht übernommen.“ Dort finden nur noch militärische Ausbildungen statt. Auch die Bundeswehr ist ab und zu Gast.

Merklingen Training Area

 

Anfang der 1980er-Jahre machen sich immer mehr Menschen über die Nachrüstung der beiden Supermächte Gedanken. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch der „Bombenwald“ ins Visier der Friedensbewegungen kommt. Im Februar 1984 entdeckt die Protestbewegung „Ulmer gewaltfreie Aktionsgruppen“ die Stellungen in Merklingen. Wenig später verteilen Aktivisten Flugblätter, auf denen geschrieben steht, dass dort seit 1. Februar „in unregelmäßigen Abständen“ Übungen mit Mittelstreckenraketen stattfinden. Und zwar mit der neuen Pershing II.

 

Das ruft weitere Demonstranten auf den Plan, die in den kommenden Monaten immer wieder Blockaden der Zufahrtswege und Demos veranstalten. Die größte findet heute vor genau 33 Jahren, am Karsamstag, statt. Bei einem Sternmarsch am 22. April 1984 pilgern rund 300 Menschen Richtung Bombenwald. Mit dabei sind die Bürgermeister aus Merklingen (Peter Seyfried, Amtszeit 1977 bis 1986) und Nellingen (Ernst Bühler, 1977 bis 1993). Die US-Armee lässt sich davon nicht beeinflussen und fährt in den nächsten Jahren weitere Übungen mit Pershing-II-Raketen. Niemand weiß, ob die GIs mit Atomsprengköpfen hantieren. Die US-Pressestelle beruhigt: Nur im Krisenfall würden Atomsprengköpfe mitgeführt, ansonsten kämen ausschließlich Übungsattrappen zum Einsatz.

 

Überreste Bombenwald Merklingen

Den großen Paukenschlag gibt es Mitte September 1990. Knapp zehn Monate nach dem Fall der Mauer teilen die US-amerikanischen Streitkräfte mit, dass nicht nur die Barracks in Neu-Ulm, sondern auch die „Merklingen Training Area“ 1991 geschlossen werden. Der Wunsch des Merklinger Bürgermeisters Günter Stolz (Amtszeit 1986 bis 2009), dass dann die Gemeinde das demilitarisierte Areal erhält, erfüllt sich nicht. Der ehemalige Standortübungsplatz bleibt weiterhin Staatswald. Noch heute, knapp drei Jahrzehnte nach dem Abzug der US-Armee, nutzt das in Laupheim (Landkreis Biberach) beheimatete Hubschraubergeschwader 64 den „Bombenwald“ für gelegentliche Außenladungen.

 

Der für den Staatswald zuständige Revierleiter stolpert immer noch ab und zu über ein Stück Sicherheitsdraht, den die Soldaten bei ihrem Abzug vergessen haben. Kürzlich hat der Förster ein altes, in den Boden eingegrabenes Wasserfass aus deren Beständen entdeckt. Auch das Durchfahrtsverbotsschild mit dem Hinweis „Anliegerverkehr frei“, das in ein paar Metern Entfernung rechts neben dem Eingang zum „Bombenwald“ steht, ist ein weiterer stummer Zeuge, zahlreiche Einschusslöcher erinnern an die ehemalige US-Präsenz. Ebenso die Fundamente der mehr als zwei Dutzend Lagerhäuser, die jedes Jahr im Winter, wenn die Gräser abgestorben sind, zum Vorschein kommen.